Archiv für den Monat: September 2016

Einleitung Ki Teze

Waren die ersten Paraschijot des Buches Devarim vor allem
Rückblicke und Mahnworte, so werden seit Paraschat Schoftim
Einzelbestimmungen aufgeführt, die teilweise Parallelen zu
den anderen Büchern der Torah aufweisen. Gleichwohl ist der
Charakter der Anordnungen ein sehr spezifischer und von den
vorherigen Büchern deutlich unterschieden. So spielt beispielsweise
die starke Konzentration auf priesterliche Aufgaben
und Tätigkeitsbereiche, wie sie im Buch Wajikra formuliert
wird, hier eine ganz untergeordnete Rolle. Vielmehr fallen
zwei scheinbar entgegengesetzte Ausrichtungen auf: zum einen
die Härte der Strafen (Todesstrafe, Steinigung, Abhacken
der Hand), zum anderen der soziale Ausgleich zwischen Arm
und Reich, der geradezu als eine »Bruderethik« formuliert
wird.
Was aus heutiger Sicht eher widersprüchlich erscheint, ist in
der Logik des Buches Devarim jedoch sehr konsequent gedacht.
Paraschat Ki Teze stellt zum ersten Mal die Einzelperson
als Rechtssubjekt deutlich heraus. Nicht die Familie oder der
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Clan oder der Stamm ist für das Verhalten seiner Mitglieder
verantwortlich, sondern in erster Linie jeder einzelne Mensch
innerhalb der jisraelitischen Gesellschaft (vgl. später auch Paraschat
Nizzavim). Dies bedeutet aber keineswegs einen Individualismus
des Rechts, wie ihn moderne Gesellschaften kennen,
in denen das eigentliche Ziel des Rechts die Anerkennung
und Verteidigung der Menschenwürde des Einzelnen ist. In
der Torah ist das Ziel und der Zweck des Rechts nicht die einzelne
Person, sondern das Volk Jisrael, insofern es als das Volk
G’ttes gedacht wird. Allerdings betont das Buch Devarim, wie
wir bereits mehrfach gesehen haben, dass es hierzu jedes und
jeder Einzelnen bedarf.
Den Einzelnen als Träger der Verantwortung zu sehen, heißt,
ihm große Verantwortung zu übertragen, da es auch an ihm
liegt, ob das Volk eine Zukunft hat. Auf dem Einzelnen lastet
die Verantwortung für die Vielen. Deshalb wird jedes Fehlverhalten
schonungslos geahndet. Gleichzeitig verbietet es der
Anspruch auf die Durchsetzung des Rechts, den Einzelfall zu
sehen, besondere Umstände zu berücksichtigen und also individuell
zu richten. Denn wir haben ja gesehen, dass alle vor
dem Recht gleich sind, also nicht auf die Person des Angeklagten
geachtet werden darf. Auch deshalb wirkt das Buch
Devarim auf uns Heutige oftmals so unerbittlich.
Auf der anderen Seite gibt es gesetzliche Regelungen für sozial
Schwache. Hier insistiert Devarim, dass das Volk Jisrael
auch aus Armen und anderen Unterprivilegierten besteht. Auf
ihren rechtlichen Schutz und ihre soziale Einbindung kommt
es gleichermaßen an, wenn das Volk in seinem Land eine Zukunft
haben soll. Dahingehend vertritt das Buch Devarim eine
ausgesprochen egalitäre Position, da der Stand oder das Ansehen
der Person keinerlei Einfluss auf die Teilhabe an der Gesellschaft
haben darf. Aber gerade die Armen und Unterprivilegierten
werden nur allzu leicht an der Inanspruchnahme
ihrer Rechte gehindert und haben auch sonst wenig Möglichkeiten
der freien Selbstentfaltung, da sie sich zumeist in finanziellen
Abhängigkeiten befinden. Das Buch Devarim weiß
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aber sehr wohl, dass die freie Selbstentfaltung von finanziellen
Voraussetzungen abhängt, deshalb sollen die Armen und Unterprivilegierten
umso mehr vor den Übergriffen der »Mittelund
Oberschicht« geschützt werden. Und deshalb wird ihnen
gegenüber noch einmal die Unbeugsamkeit des Rechts betont,
obwohl dies ohnehin als allgemeiner Grundsatz gilt. Für die
Armen werden also eigens Gesetze erlassen, die die Teilhabe
an der Gesellschaft und damit die aktive Mitgliedschaft im
Volk G’ttes ermöglichen.
Strafen: Die Strafen, die in dieser Parascha in Aussicht gestellt
werden, sind in der Regel drakonisch: Todesstrafe, Steinigung,
Hand abhacken, Auspeitschen. Während die Todesstrafe
durchaus noch in westlichen Rechtssystemen vorkommen
kann, ist dies für die anderen Strafen nicht mehr der Fall. Im
Vergleich allerdings mit anderen altorientalischen Rechtskorpora
und Vertragstexten erweist sich das Buch Devarim als
Kind seiner Zeit, und seine Strafkataloge entsprechen den
damals üblichen Konventionen. Gleichwohl haben offenbar
schon unsere Rabbinen diese Strafen oftmals als zu drakonisch
empfunden und auf die eine oder andere Weise zu entschärfen
versucht, indem entweder die Strafe selbst uminterpretiert
oder das Vergehen anders verstanden wurde. Dies
umso mehr, als die Strafen oft für vergleichsweise harmlose
Vergehen angewandt werden sollten, wie für einen widerspenstigen
Sohn oder das Berühren der männlichen Scham
durch eine Frau.

Paraschat Ki Teze

Die gefangene Frau

21,10
»Nun kann es sein, dass du gegen ein Volk Krieg führst und
dabei Gefangene machst. Ist unter den Gefangenen eine Frau,
die sehr schön aussieht, sodass du dich in sie verliebst und sie
heiraten möchtest, dann ist das auch möglich. Aber du musst
Folgendes dabei berücksichtigen: Die Frau, die du in dein
Haus führst, soll ihre Haare und ihre Nägel schneiden. Auch
ihre Gefangenenkleidung soll sie ablegen, schließlich ist sie
keine Gefangene mehr. Und dann soll sie in deinem Haus bleiben
und einen Monat ihren Vater und ihre Mutter beweinen.
Erst danach, wenn sie diese Zeit hinter sich gebracht hat,
kannst du zu ihr gehen und sie heiraten.
Und wenn es dann vorkommt, dass du dich irgendwann später
von dieser Frau trennen möchtest, dann sollst du sie nicht
plötzlich behandeln wie eine Sklavin. Du darfst sie also nicht
verkaufen. Sie soll einfach gehen dürfen.«

Verschiedene soziale Gesetze

22,1
»Es darf dir nicht gleichgültig sein, wenn sich ein Ochse oder
ein Lamm, die einem anderen gehören, verirren. Schau nicht
weg, wenn du so etwas siehst, sondern nimm das Tier und
bring es demjenigen, dem es gehört, zurück. Weißt du aber
nicht, wem das Tier gehört, oder der Eigentümer wohnt zu
weit entfernt, dann nimm das Tier zu dir und warte, bis nach
dem Tier gefragt wird, dann kannst du das Tier wieder zurückgeben.
So sollst du insgesamt mit Dingen und Tieren umgehen,
die deinem Mitmenschen verloren gegangen sind und die du
gefunden hast. Du sollst nicht wegschauen, wenn etwas Verlorenes
herumliegt.
Merke dir, dass Frauen niemals in Männerkleidung und
Männer niemals in Frauenkleidung herumlaufen sollen. Das
wäre ein Gräuel für den Ewigen, deinen G’tt.

Die Zizit

22,12
»Mache dir geflochtene Fäden an die vier Ecken deines Überwurfes.«

Verhalten im Krieg

23,10
»Wenn du gegen deine Feinde ausrückst, dann sollst du darauf
achten, dass du nichts Übles tust.

Du sollst draußen vor dem Lager eine Stelle haben, zu der du
dich hin verziehen kannst, um deine Notdurft zu verrichten.
Deshalb sollst du auch immer eine Schaufel in deinem Gepäck
haben, damit du deine Notdurft bedecken kannst. Denn denk
daran, dass der Ewige, dein G’tt, mitten unter dir ist, um dir
beim Kampf gegen die Feinde beizustehen. Deshalb ist dein
Lager ein heiliges Lager und kein Dreckhaufen, wo jeder sein
Geschäft hinmachen kann, wo er gerade will.«

Verschiedene soziale und religiöse Gesetze

23,16
»Wenn ein Sklave, der einem anderen Herrn gehört, zu dir
gelaufen kommt, um bei dir Schutz zu suchen, dann sollst du
ihm eine Bleibe in deinen Stadttoren zuweisen und ihn nicht
an seinen Herrn ausliefern. Geh mit diesem Sklaven so um,
dass er sich nicht gekränkt fühlt, denn du sollst seine Notlage
nicht ausnutzen.

Deinem Mitmenschen darfst du kein Geld dafür geben, dass
er dir etwas geliehen hat. Gib also keine Zinsen. Egal, ob du
Geld oder Lebensmittel oder sonst irgendetwas ausgeliehen
hast. Zinsen darfst du einem Fremden geben, nicht aber deinem
Mitmenschen. Nur so kann der Ewige, dein G’tt, dich in
deinem Land mit all dem segnen, was du erworben hast.
Wenn du dem Ewigen, deinem G’tt, etwas ganz fest versprichst
und damit ein Gelübde tust, dann musst du das, was
du versprochen hast, auch unbedingt einhalten. Denn wenn
du dein Gelübde ablegst, aber es nicht einhältst, dann begehst

du eine sehr große Sünde. Du sollst also sorgfältig überlegen,
was du über deine Lippen bringst, und wenn du etwas versprichst,
dann bist du auch verpflichtet, es einzuhalten.
Wenn du unterwegs bist, kannst du bei deinem Nächsten in
den Weinberg gehen und Trauben essen. Das ist erlaubt. Aber
du darfst nichts in einen Beutel füllen, damit du für später
noch etwas zu essen hast. Auch wenn du in einem Getreidefeld
stehst, darfst du mit der Hand die Ähren zupfen. Du darfst
aber nicht mit der Sichel in das Feld gehen und ganze Flächen
für dich abschneiden.«

Scheidung und Ehe

24,1
»Ein Mann kann einen Scheidebrief (Sefer Kritut) ausstellen
und ihn seiner Frau übergeben, um sich von ihr scheiden zu
lassen. Heiratet diese Frau ein weiteres Mal und wird wieder
geschieden oder verwitwet, sodass sie wieder frei ist, dann
darf ihr erster Mann, der sich von ihr getrennt hat, sie nicht
wieder heiraten.

Gesetze für das Wirtschaftsleben

24,6
»Ist ein Müller arm geworden, so sollst du nicht seinen Mühlstein
pfänden, das heißt, den Mühlstein gegen Geld annehmen,
damit der Müller wieder etwas zu essen kaufen kann.
Denn ein Müller braucht ja seinen Mühlstein und du würdest
ihn gänzlich ruinieren.
Geht jemand hin und entführt einen Jisraeliten, um ihn als
Sklaven zu verkaufen, und er wird dabei erwischt, dann soll er
zur Strafe sterben. Böses sollst du nicht bei dir dulden.

Hast du jemandem Geld geliehen, so sollst du nicht zu ihm
ins Haus gehen, um dir ein Pfand zur Sicherheit zu holen. Du
kannst zu ihm gehen, aber bleib draußen vor der Tür stehen.
Und derjenige, dem du etwas geliehen hast, soll dir selbst ein
Pfand nach draußen bringen.
Ist derjenige, dem du etwas geliehen hast, sehr arm, und er
hat dir als Sicherheit nur noch seinen Mantel anbieten können,
dann darfst du dieses Pfand, das du als Sicherheit genommen
hast, nicht über Nacht behalten. Noch vor Sonnenuntergang
sollst du ihm den Mantel zurückgeben, damit er in der Nacht
in ihm schlafen kann, und dich dafür segnet. Der Ewige, dein
G’tt, wird eine solche Tat von dir sehr schätzen.
Hast du arme Tagelöhner angestellt, so sollst du ihnen ihren
Lohn nicht vorenthalten. Du sollst deinen Arbeitern noch am
selben Tag, an dem sie für dich tätig waren, ihren Lohn auszahlen.
Die Sonne darf darüber nicht untergehen. Denn sie
sind arm und benötigen jedes Geld, um das Nötigste für sich
zu besorgen. Nicht, dass der Geprellte zum Ewigen schreit
und du mit großer Schuld dastehst.«

Jeder ist für sich selbst verantwortlich

24,16
»Hat jemand etwas Schlimmes getan, dann soll auch nur derjenige,
der es getan hat, zur Verantwortung gezogen werden.
So soll kein Vater für seine Kinder getötet werden und kein
Kind für seinen Vater. Wenn über jemanden die Todesstrafe
verhängt wurde, dann soll auch nur der die Strafe erhalten.«

Der Schutz der Bedürftigen

24,17
»Nie sollst du das Recht des Fremden oder der Waise verbiegen.
Auch das Kleid der Witwe, die arm ist, sollst du nicht pfänden.
Denk dabei immer daran, dass du selbst ein Sklave in Mizrajim
warst und dass dich der Ewige, dein G’tt, von dort befreit
hat. Deshalb sollst du den Bedürftigen auch immer besonders
beachten.
Zum Beispiel sollst du, wenn du erntest, nicht noch einmal
übers Feld gehen, um die letzten übrig gebliebenen Ähren abzuernten.
Denn die übrig gebliebenen Ähren auf dem Feld gehören
dem Fremden, der Waise und der Witwe, den armen
und bedürftigen Menschen also.
Auch wenn du einen Ölbaum abklopfst, um die Oliven zu
ernten, sollst du nicht anschließend die Zweige auch noch einzeln
absuchen, um den letzten Rest zu ernten. Die Nachlese,
also das Aufsammeln des Restes, sollen der Fremdling, die
Waise und die Witwe erledigen.
Du sollst immer daran denken, dass du im Land Mizrajim
einmal Sklave warst, deshalb sollst du so handeln, wie ich es
dir sage.

Weitere Gebote der Gerechtigkeit

25,11
»Du sollst beim Abwiegen nicht mit unterschiedlichen Gewichten
mogeln. Vielmehr sollst du mit richtigen Maßen und Gewichten arbeiten.                                     Nur so kannst du auf dem Boden, den der
Ewige dir gibt, lange leben. Es ist dem Ewigen, deinem G’tt,
ein Gräuel, wenn du mit falschen Gewichten Unrecht tust.«

Amalek

25,17–19
Maftir zu Schabbat Sachor
»Denk immer an das, was Amalek dir angetan hat, als du aus
Mizrajim auszogst. Wie Amalek gegen dich auftrat, obwohl du
müde und matt warst. Aber Amalek hatte keinen Respekt vor
G’tt. Wenn der Ewige, dein G’tt, dir Frieden zwischen deinen
Feinden ringsum bringen wird, dann sollst du das Andenken
an Amalek auslöschen, vergiss das nicht!«