Einleitung zu Paraschat Lech Lecha

Mit dieser Parascha beginnen die Erzählungen von den Stammeltern, und damit die unmittelbare Vorgeschichte des Volkes Jisrael. Wie sehr diese Erzählungen bereits auf das Volk Jisrael ausgerichtet sind, erkennt man schon in dieser Parascha an dem wiederholten Versprechen G“ttes, aus einem einzelnen Elternpaar (Sara und Avraham) ein ganzes Volk werden zu lassen und die Einnahme eines ganzen Landes. Wie vor allem diese Parascha zeigt, sind beide Versprechen deutliche Verweise auf die Zukunft. Denn der Nachwuchs will sich nicht gleich und vor allem nicht zahlreich einstellen – zumindest aus der Sicht von Sara und Avraham sind die zahlreichen Nachkommen ein Versprechen für spätere Generationen, beide bekommen gerade mal einen Sohn. Aber auch das zweite Versprechen (Land) ist alles andere als eine unmittelbare Zukunftsperspektive für Sara und Avraham. Denn schon eine schnelle Übersicht über den Text zeigt, dass die ersten Stammeltern permanent unterwegs waren und sich eben nicht im versprochenen Land niederlassen konnten.
Aber die Tora will genau diesen Spannungsbogen erzählen. Ein Versprechen (die Tora spricht von „Bund“) wird nicht einfach und unmittelbar eingelöst, sondern dynamisiert die gesamte Geschichte eines Volkes. Deshalb sind die Ereignisse, von denen die Tora bezüglich der Stammeltern erzählt, nicht einfach kontingente Geschehnisse, die in alten Zeiten irgendwelchen Menschen widerfahren sind, sondern die Erzählung von dem langen Weg hin zu einem ganzen Volk und zu einem eigenen Land.
Das ist der Unterschied zwischen „Historie“ und „Geschichte“. Die historische Rückfrage möchte die Einzeldaten der handelnden Personen eruieren, die Geschichte deutet dagegen das Dagewesene als ein Hinlaufen auf einen wichtigen Punkt in der Geschichte, von der aus sich die Jetztzeit in seinem Selbstverständnis verstehen möchte. Deshalb ist es auch unerheblich, immerzu die Frage beantworten zu wollen, ob sich denn alles so zugetragen hat, wie es hier beschrieben wird. Vielmehr ist es entscheidend, den erzählten Spannungsbogen als das lange Werden eines Volkes begreifen zu lernen.

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