Einleitung zu Paraschat Acharej Mot

Diese Parascha kehrt wieder zu den Kohanim zurück. Das wird schon durch den Namen der Parascha angedeutet: Achare Mot: Sie knüpft an die Stelle an, als die beiden Söhne Aharons wegen des fremden Feuers vom Feuer verzehrt wurden. Die Reinheiten des Einzelnen sind damit abgeschlossen. Nun steigert sich das Buch Wajiqra: Aharon erhält eine zeitliche Beschränkung, in der er in das Allerheiligste eintreten kann. Zu einer räumlichen Beschränkung (das Heiligtum ist nicht überall!) kommt also eine zeitliche (das Allerheiligste ist für Aharon nicht immer!). Nur durch diese zeitliche Beschränkung (einmal im Jahr an Jom Kippur) kommt ein wichtiger Gedanke ins Spiel: im zeitlichen Rhythmus wird das Heiligtum, und damit auch alle Jisraeliten und Kohanim, von allen Verfehlungen „gereinigt“. Alles, was sich übers Jahr angesammelt hat, wird an diesem Tag „gelöscht“. Unreinheit und Reinheit verlaufen damit in einem gleichmäßigen zeitlichen Rhythmus. Damit ist auch die Reinheit nicht immer gegenwärtig, sowenig, wie das Heilige immer und überall gegenwärtig ist. Das, was bislang also rigide als „rein“ oder „unrein“ kategorisiert worden ist, erhält nun eine praktisch lebbare Unschärfe, denn die Unreinheit sammelt sich übers Jahr langsam an und wird zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder in Reinheit überführt.

Auch wenn dieses Ritual im Judentum nicht mehr durchgeführt werden kann, da es keinen Tempel mehr gibt, hat sich der Grundgedanke des zeitlich wiederholten Sich-ins-Reine-bringen tief verwurzelt und wurde auf die individuellen Vergehen und Sünden übertragen, die einmal im Jahr – an Jom Kippur – gelöscht werden. Aber auch für das heutige Judentum gilt, dass der Einzelne bezüglich seiner Verfehlungen nicht entweder als fehlerlos oder als fehlerbehaftet gilt, da auch gerade das heutige Judentum sehr bewusst diese Unschärfe eingebracht hat und in einem zeitlichen Rhythmus steht. Der Einzelne ist nur einen kurzen Augenblick „ins Reine gekommen“ – nämlich an Jom Kippur, das Jahr über lebt er damit (und kann damit leben), dass er nicht ganz frei von Verfehlungen, Übertritten usw. ist.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *