Einleitung Paraschat Nasso

Mit dem Ende der letzten und dem Beginn dieser Parascha werden vor allem die Lewiim als ein eigener Stand in den Blick genommen. Sie sind zum einen der Ersatz für die Erstgeborenen, zum anderen haben sie gerade in dieser Funktion die Aufgabe, einen besonderen Dienst am Heiligtum zu verrichten. Da es im Buch Bamidbar nun vor allem darum geht, mit dem Heiligtum auf Wanderschaft zu gehen, ist genau dieser Dienst notwendig geworden. Denn das Heiligtum kann nicht von irgendjemandem getragen werden, aber die Kohanim alleine wären für diese gewaltige Aufgabe zu wenige. Daher kommen nun die Lewiim ins Spiel: Sie sind zwar keine Kohanim und können den Opferdienst am Heiligtum nicht verrichten, aber sie sind diejenigen, die für den Transport durch die Wüste verantwortlich sind und ihn bewerkstelligen müssen. Mit der Organisation dieser Aufgaben sind die Jisraeliten eigentlich bereit, mit dem Heiligtum für die weitere Wanderschaft durch die Wüste aufzubrechen.

Aber der eigentliche Aufbruch wird erst in der nächsten Parascha weitererzählt. Diese Parascha wendet sich nun plötzlich von den Aufgaben der Lewiim ab und den normalen Jisraeliten wieder zu. Teilweise werden auch Themen aufgenommen, die wir schon aus dem Buch Wajikra bereits kennen: So wird die Bestimmung erzählt, wonach aussätzige Menschen nun aus dem Lager gebracht werden sollen; wir finden die Vorschrift, dass all diejenigen, die sich plötzlich einer Schuld bewusst werden, diese bekennen und ein Ascham, eine Opfergabe für die Schuld, bringen sollen. Paraschat Naso enthält aber auch zwei Anweisungen, die in dieser Weise bislang noch nicht bekannt waren: die erste behandelt die Frage, wie ein „eifernder“ Mann im Umgang mit seiner des Ehebruchs verdächtigen Frau verfahren soll; die zweite widmet sich einem Ritual, mittels dessen sich ein gewöhnlicher Jisraelit für eine bestimmte Zeit dem Ewigen ganz besonders unterwerfen („weihen“) kann, indem er ein sogenannter Nasirwird.  Ganz offensichtlich geht es darum aufzuzeigen, dass das Lager, das jetzt ja durch das Heiligtum ein besonderes Lager geworden ist, nicht nur durch geschultes Kultpersonal so geführt werden kann, dass die Präsenz G’ttes unter Jisrael möglich ist, sondern dass hierzu auch die ganz gewöhnlichen Jisraeliten ihren Teil der Verantwortung gleichermaßen aufgebürdet bekommen: unmittelbar einsichtig durch die Aussätzigen, die nun aus dem Lager an einen besonderen Ort gebracht werden müssen, aber auch durchaus einsichtig bei all denjenigen, die eine subjektiv empfundene Schuld abtragen wollen: Der Ort des Lagers macht es notwendig, dass jeder Zweifel an einer Übertretung ausgeschlossen wird. Hier setzt auch das sogenannte Eiferordal an, mit dessen Hilfe der Mann seine Zweifel an der Treue seiner Frau zerstreuen kann.

Allein der Nasir spricht ein Thema an, das über diese Ausrichtung hinausreicht: Es geht nicht um die Eindämmung oder Eliminierung von Schuld, sondern um einen besonderen Status, den sich ein gewöhnlicher Jisraelit, Männer wie Frauen, selbst auferlegen kann. Das fällt auf: Denn die Stände, die bisher im Buch Wajikra und Bamidbar hervorgehoben worden sind, der Kohen und der Lewi, ergeben sich qua Abstammung, insofern sie eben entweder von Aharon oder aus einem der Familien der Lewiim hervorgehen. Damit ist nicht nur, wie im Falle der Männer, das Privileg für den Priesterdienst verbunden, sondern beispielsweise auch, wie im Falle der Männer und der Frauen, auch die Pflicht, bestimmte familienrechtliche Einschränkungen auf sich zu nehmen. Allein der Nasir nimmt Beschränkungen des täglichen Lebens für eine gewisse Zeit freiwillig auf sich, Beschränkungen übrigens, die teilweise an den Dienst der Kohanim erinnern! Und nicht umsonst wird der Nasir ebenfalls als „heilig“ bezeichnet. Dass das Nasiräertum im späteren Judentum keine wirkliche Aufnahme gefunden hat und von den Rabbinen misstrauisch beäugt worden ist, zeigt, wie wenig asketisch das Judentum ausgerichtet ist. In der Vorstellung des Buches Bamidbar kann jedoch der Nasir eine wichtige Funktion insofern ausüben, als er gewissermaßen als „Laie“ ein Mehr an Pflichten auf sich nimmt und genau dadurch die gewöhnlichen Jisraeliten gegenüber den herausgehobenen Ständen aufwertet. Es scheint fast so, dass hier die religiöse Verankerung im ganzen Volk versucht und nicht allein auf die Professionalität der Stände gesetzt wird.

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