Einleitung Ki Teze

Waren die ersten Paraschijot des Buches Devarim vor allem
Rückblicke und Mahnworte, so werden seit Paraschat Schoftim
Einzelbestimmungen aufgeführt, die teilweise Parallelen zu
den anderen Büchern der Torah aufweisen. Gleichwohl ist der
Charakter der Anordnungen ein sehr spezifischer und von den
vorherigen Büchern deutlich unterschieden. So spielt beispielsweise
die starke Konzentration auf priesterliche Aufgaben
und Tätigkeitsbereiche, wie sie im Buch Wajikra formuliert
wird, hier eine ganz untergeordnete Rolle. Vielmehr fallen
zwei scheinbar entgegengesetzte Ausrichtungen auf: zum einen
die Härte der Strafen (Todesstrafe, Steinigung, Abhacken
der Hand), zum anderen der soziale Ausgleich zwischen Arm
und Reich, der geradezu als eine »Bruderethik« formuliert
wird.
Was aus heutiger Sicht eher widersprüchlich erscheint, ist in
der Logik des Buches Devarim jedoch sehr konsequent gedacht.
Paraschat Ki Teze stellt zum ersten Mal die Einzelperson
als Rechtssubjekt deutlich heraus. Nicht die Familie oder der
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Clan oder der Stamm ist für das Verhalten seiner Mitglieder
verantwortlich, sondern in erster Linie jeder einzelne Mensch
innerhalb der jisraelitischen Gesellschaft (vgl. später auch Paraschat
Nizzavim). Dies bedeutet aber keineswegs einen Individualismus
des Rechts, wie ihn moderne Gesellschaften kennen,
in denen das eigentliche Ziel des Rechts die Anerkennung
und Verteidigung der Menschenwürde des Einzelnen ist. In
der Torah ist das Ziel und der Zweck des Rechts nicht die einzelne
Person, sondern das Volk Jisrael, insofern es als das Volk
G’ttes gedacht wird. Allerdings betont das Buch Devarim, wie
wir bereits mehrfach gesehen haben, dass es hierzu jedes und
jeder Einzelnen bedarf.
Den Einzelnen als Träger der Verantwortung zu sehen, heißt,
ihm große Verantwortung zu übertragen, da es auch an ihm
liegt, ob das Volk eine Zukunft hat. Auf dem Einzelnen lastet
die Verantwortung für die Vielen. Deshalb wird jedes Fehlverhalten
schonungslos geahndet. Gleichzeitig verbietet es der
Anspruch auf die Durchsetzung des Rechts, den Einzelfall zu
sehen, besondere Umstände zu berücksichtigen und also individuell
zu richten. Denn wir haben ja gesehen, dass alle vor
dem Recht gleich sind, also nicht auf die Person des Angeklagten
geachtet werden darf. Auch deshalb wirkt das Buch
Devarim auf uns Heutige oftmals so unerbittlich.
Auf der anderen Seite gibt es gesetzliche Regelungen für sozial
Schwache. Hier insistiert Devarim, dass das Volk Jisrael
auch aus Armen und anderen Unterprivilegierten besteht. Auf
ihren rechtlichen Schutz und ihre soziale Einbindung kommt
es gleichermaßen an, wenn das Volk in seinem Land eine Zukunft
haben soll. Dahingehend vertritt das Buch Devarim eine
ausgesprochen egalitäre Position, da der Stand oder das Ansehen
der Person keinerlei Einfluss auf die Teilhabe an der Gesellschaft
haben darf. Aber gerade die Armen und Unterprivilegierten
werden nur allzu leicht an der Inanspruchnahme
ihrer Rechte gehindert und haben auch sonst wenig Möglichkeiten
der freien Selbstentfaltung, da sie sich zumeist in finanziellen
Abhängigkeiten befinden. Das Buch Devarim weiß
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aber sehr wohl, dass die freie Selbstentfaltung von finanziellen
Voraussetzungen abhängt, deshalb sollen die Armen und Unterprivilegierten
umso mehr vor den Übergriffen der »Mittelund
Oberschicht« geschützt werden. Und deshalb wird ihnen
gegenüber noch einmal die Unbeugsamkeit des Rechts betont,
obwohl dies ohnehin als allgemeiner Grundsatz gilt. Für die
Armen werden also eigens Gesetze erlassen, die die Teilhabe
an der Gesellschaft und damit die aktive Mitgliedschaft im
Volk G’ttes ermöglichen.
Strafen: Die Strafen, die in dieser Parascha in Aussicht gestellt
werden, sind in der Regel drakonisch: Todesstrafe, Steinigung,
Hand abhacken, Auspeitschen. Während die Todesstrafe
durchaus noch in westlichen Rechtssystemen vorkommen
kann, ist dies für die anderen Strafen nicht mehr der Fall. Im
Vergleich allerdings mit anderen altorientalischen Rechtskorpora
und Vertragstexten erweist sich das Buch Devarim als
Kind seiner Zeit, und seine Strafkataloge entsprechen den
damals üblichen Konventionen. Gleichwohl haben offenbar
schon unsere Rabbinen diese Strafen oftmals als zu drakonisch
empfunden und auf die eine oder andere Weise zu entschärfen
versucht, indem entweder die Strafe selbst uminterpretiert
oder das Vergehen anders verstanden wurde. Dies
umso mehr, als die Strafen oft für vergleichsweise harmlose
Vergehen angewandt werden sollten, wie für einen widerspenstigen
Sohn oder das Berühren der männlichen Scham
durch eine Frau.

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