Einleitung zu Paraschat Noach

Einleitung

Die ersten beiden Paraschijot stehen in der Spannung von Gut – Böse. Wurde im ersten Schöpfungsbericht noch stets betont, dass das, was Gott erschaffen hat, „gut“ war, so wird nun davon berichtet, dass seit der Vertreibung des Menschen aus dem Gan Eden die Menschen „böse“ wurden. Die Flut und die Erwählung des „gerechten“ Noach wollen dem zwar Einhalt gebieten, sind aber nicht in der Lage, „paradiesische“ Zustände zurückzuholen. Dennoch hat sich durch die Flut etwas geändert, auch wenn der Turmbau wieder der Versuch zu sein scheint, das menschliche Selbstbewusstsein zu überhöhen: Die Menschen machen sich nun nicht mehr gegenseitig fertig, sondern versuchen, in Einigkeit  Großes zu leisten und über sich hinauszuwachsen, also mithilfe einer positiven Eigenschaft. Bereits unsere Rabbinen haben deshalb darauf hingewiesen, dass die Generation der Flut viel „böser“ war als die Generation des Turmbaus.

In der Logik der bisherigen Geschichte liegt denn auch, dass die Einheit der Menschheit von Gott gestört wird. Denn in der Schöpfung geht es um Ausdifferenzierung. Der Begriff der Einheit ist allein Gott vorbehalten. Menschliches Dasein gründet dagegen auf Unterscheidung und Differenz. Dies gilt schon im Physischen (die zwei Geschlechter), es gilt aber auch im Kulturellen (Differenz der Sprachen) und in räumlicher Hinsicht: Die Menschen sollen die ganze Erde füllen und nicht an einem Ort Richtung Himmel wohnen wollen. Insofern ist es nur konsequent, dass die beiden ersten Paraschijot von der Spannung Gut – Böse handeln. Denn der Mensch ist nicht nur physisch und kulturell ausdifferenziert, sondern in seinem Dasein immer ambivalent: Der Mensch ist nicht einfach nur gut, denn er hat immer auch die Möglichkeiten, anders zu sein. Und das ist der Tora sehr wichtig zu betonen: Es geht hier um Ambivalenz des Daseins und nicht um sich widerstreitende Prinzipien von Gut und Böse. Das Böse gibt es nicht als eigenständige Macht, sondern ist die Möglichkeitsbedingung für das Gute. Wer „gut“ sein will, hat stets die Möglichkeit, es nicht zu sein, weil „das Böse“ immer schon im Guten enthalten ist. Insofern ist es auch nur konsequent, dass sich im Judentum nie eine Erbsündenlehre durchgesetzt hat, da eine solche Lehre zu sehr von der selbstständigen Macht der Sünde und des Bösen ausgeht.

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